Chaakirah, meine erste große Pferdeliebe
Mein Papa, meine Mama und ich
Bevor ich dir von Chaakirah erzähle, möchte ich vorausschicken: Meine Geschichte mit den Pferden hat sehr viel mit meiner doch recht komplizierten Beziehung zu meinem Vater zu tun.
Er war in meiner Kindheit physisch und mit materieller Zuwendung anwesend, allerdings war er auf Herzensebene für mich schwer greifbar. Er war ein Unternehmer, ein Macher und ein Lebemensch. Papa war für mich als sehr sensibles Kind einfach viel zu laut und zu impulsiv.
Bei ihm habe ich mir angewöhnt mich anzupassen und zurückzunehmen, denn mein Vater wollte scheinen und die Sonne im Raum sein. Und da konnte keine zweite Sonne existieren.
Meine Mama war immer mein Fels in der Brandung. Sie hat mich gehalten, aufgefangen und mir die Stabilität gegeben, die ich immer gebraucht habe. Als ich 14 war, haben sich meine Eltern scheiden lassen.
Was der Papa mir trotzdem mitgegeben hat
Trotzdem unsere Beziehung schwierig war, hat er mir etwas mitgegeben, das bis heute in mir lebt und integraler Bestandteil ist: die Tierliebe. Und die ist bei mir ziemlich bedingungslos eingebaut. Wobei das nicht immer so war, aber später mehr dazu.
Auf jeden Fall war es Papa, der mich schon sehr früh aufs Pferd setzte. Wie ich zwei, drei Jahre alt war, hatten er und Mama 2 Pferde in der Nähe von Himberg stehen. Mama hat das nur Papa zuliebe gemacht. Und da wurde ich bereits zu einer kleinen Reiterin.
Ein paar Jahre später hatte Papa dann noch eine Traberstute in der Wiener Krieau. Zu ihr hatte ich kaum persönliche Berührungspunkte, aber trotzdem fand ich es als kleines „Pferde-Mädchen” einfach cool.
Im Alter von 9 Jahren kommt Chaakirah in mein Leben
Da Papa ein großer Karl-May-Fan war und er Anfang der Neunzigerjahre in der Mini-ZiB im ORF eine Gestütspräsentation von einem Vollblutaraber-Gestüt im Wienerwald gesehen hatte, sind wir dort einfach mal hingefahren.
Und kurze Zeit später war ich die glückliche Besitzerin einer weißen Vollblutaraberstute namens Chaakirah. So war ich junge 9 Jahre, als ich mein erstes Pferd bekam. Ich konnte es damals noch gar nicht so richtig wertschätzen, wie ich es jetzt im Nachhinein tue.
Die Tiere, allen voran Pferde, waren für mich immer zugänglicher als die meisten Menschen. In der Anwesenheit von Pferden, die ja Fluchttiere und daher mit einer ebenfalls sehr hohen Sensibilität ausgestattet sind, habe ich mich einfach immer sicher, wohl und aufgehoben gefühlt. Wir schwingen irgendwie im selben Takt.

Im Westernsattel unterwegs
Die Araber in diesem Stall wurden schon damals im Westernstil geritten. Das heißt, bis auf ein paar andere Pferde-Ausflüge, sitze ich seit ich neun Jahre alt bin im Westernsattel. Davor war ich eine Zeit lang voltigieren und habe verschiedene Sommer-Reitsportcamps mitgemacht, wo natürlich Englisch geritten wurde.
Ich habe einen Großteil meiner Jugend vor allem im Stall verbracht. Danke an meine Mama, die mich unzählige Male geführt, gebracht, abgeholt und begleitet hat.
Mit Chaakirah bin ich über ein Jahrzehnt verbunden gewesen. Gemeinsam sind wir viele Turniere gestartet, vor allem Western Pleasure und Western Trail, wo wir auch einige Erfolge erreichen konnten.
Die ehrliche Seite dieser Geschichte
Und nun zur bedingungslosen Pferdeliebe: Wenn es am Turnier nicht so lief, wie ich mir das vorgestellt hatte, wurde ich grantig, denn ich war sehr ehrgeizig. Und dann wurde ich auch unfair Chaakirah gegenüber. Das musste ich mir eingestehen. Darüber habe ich bereits oft und lange nachgedacht.
Ich habe mir immer wieder die Schuld gegeben, dass ich dem Tier einfach nicht fair gegenüber war. Ich war schlicht gesagt einfach nicht reif genug. Damals habe ich einen Teil der Wut über das Verhältnis zu meinem Vater am Pferd ausgelassen.
So wehrlos ich mich bei ihm oft fühlte, so einfach war es auf das Pferd sauer zu sein, dass nicht so „funktionierte”, wie ich es mir gerade vorstellte. Und das war weder gerecht, noch hatte es mit bedingungsloser Liebe zu tun.
Mit viel zeitlicher Distanz, einigen Therapiestunden, konstanter Selbstreflexion und echter Selbstvergebung habe ich mich bei diesem Thema mittlerweile auf ein anderes Level gebracht. Ich habe es geschafft sowohl mir selber dafür zu vergeben, als auch meinem Papa (Gott hab ihn selig) für so einige Dinge, die nicht fein gelaufen sind.
Einige Zeit nach seinem Tod habe ich von seiner Witwe erfahren, dass er sehr stolz auf mich war, weil ich so eine gute Reiterin war. Was ich Zeit seines Lebens nie aus seinem Mund hörte und vermutlich immer hören wollte. Er konnte nicht anders und auch das ist inzwischen gut so.
Vergebung ist so, so wichtig, um nicht in der Vergangenheit festzuhängen. Vergebung bedeutet nicht, alles gut zu heißen was passiert ist. Aber es heißt Situationen loszulassen, um die eigene Energie im hier und jetzt nutzen zu können. Vergebung passiert m. M. nach kontinuierlich.
Manchmal ist Vergebung mit Wut verbunden, manchmal mit Traurigkeit und irgendwann mit Frieden und Liebe.

Der Abschied
Nach der Matura habe ich, nach zwei Jahren Wirtschaftsstudium, beschlossen: Ich möchte Pferdewissenschaften studieren, auf der Veterinärmedizinischen Uni und auf der BOKU. Das hat mich damals zu dem Entschluss gebracht, dass ich Chaakirah verkaufen und mir ein Quarter Horse zulegen möchte, weil ich unbedingt in die Sparte „Reining” wechseln wollte.
Und so kam es dazu, dass ich nach vielen Jahren meine Vollblutaraberstute verkauft habe. Einige meiner Freundinnen haben nicht verstanden, wie man ein Tier nach so langer Zeit hergeben kann. Aber Papas Denken als Unternehmer hat mich geprägt und für mich war es daher eine rein rationale Entscheidung.
Nicht, dass mein Herz nicht an Chaakirah gehangen hätte. Natürlich hat es das. Aber ich wollte mich beruflich in diese Richtung weiterentwickeln und hatte mich für dieses Studium entschieden. Und darum ging der Weg mit Chaakirah hier nicht mehr gemeinsam weiter.
Sie war in einem Alter, in dem ich ihr nicht mehr zumuten wollte, noch Reining zu lernen. Darum habe ich einen guten Endplatz für sie gesucht. Es hat sich ein Vater mit seiner Tochter, deren Mutter erst kurz zuvor verstorben war, gefunden. Dort ist sie einige Jahre geblieben. Als das Mädchen irgendwann kein Interesse mehr hatte, wurde Chaakirah an eine Frau verkauft, bei der sie bis zu ihrem letzten Atemzug bleiben durfte.
Wie es weitergeht
Ich bin meiner weißen Prinzessin dankbar, dass sie so viel mit mir durchgestanden hat. Sie wollte mir immer nur zeigen, wie sensibel ich doch war und ich habe es trotzdem erst so spät erkannt und bewusst wahrgenommen.
Wie es mit meiner Pferdegeschichte weitergeht, erfahrt ihr im nächsten Blogbeitrag. Das war jetzt erstmal ein kurzer Einstieg in die Geschichte von Chaakirah, meiner Araberstute.
Von Herzen. Deine Babsi